Die Walliser Alpen

Schlafen · Genesis 1

Und es wurde Abend

13 Min. · Stimme Michael · Gen 1,1-2,3

Die sieben Tage der Schöpfung, langsam erzählt, bis Gott am siebten Tag ruht.

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Mach es dir bequem. Leg dich so hin, wie du am liebsten einschläfst, und zieh die Decke dorthin, wo sie hingehört.

Du musst heute nichts mehr tun. Wenn du einschläfst, bevor die Geschichte zu Ende ist, ist das genau richtig.

Atme ein, ganz ruhig. Und lass den Atem wieder gehen, langsamer, als er gekommen ist.

Ich erzähle dir heute vom Anfang. Von der Zeit, als Gott die Welt gemacht hat, Tag für Tag, und jeder dieser Tage endete mit einem Abend.

Am Anfang ist alles still und dunkel. Kein Wind und keine Stimme. Nur eine weite, tiefe Wasserfläche, schwarz und glatt, so weit, dass sie keinen Rand hat.

Und über diesem Wasser schwebt der Geist Gottes. So wie ein grosser Vogel über seinem Nest schwebt, ohne Eile, ganz nah über der Oberfläche, und wartet.

Dann spricht Gott. Seine Stimme ist ruhig. Es werde Licht. Und es wird Licht.

Dieses erste Licht sickert in die Dunkelheit wie das erste Grau am Morgen, wenn die Vorhänge langsam hell werden und draussen noch kein Vogel singt.

Und Gott sieht, dass das Licht gut ist. Er nennt das Licht Tag, und die Dunkelheit nennt er Nacht. Auch die Nacht bekommt von ihm einen Namen.

Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der erste Tag.

Am zweiten Tag spannt Gott den Himmel auf, ein weites Gewölbe über den Wassern. Unten das Meer, oben der Himmel, und dazwischen ein grosser, offener Raum voller Luft. Kühle, klare Luft, wie auf einer Passhöhe am frühen Morgen.

Und Gott nennt das Gewölbe Himmel. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der zweite Tag.

Am dritten Tag sammelt sich das Wasser. Es zieht sich langsam zurück, wie das Meer bei Ebbe, und aus der Tiefe taucht das Land auf. Nasse Felsen und dunkle Erde, die in der Sonne zu trocknen beginnt.

Gott nennt das Trockene Erde und das gesammelte Wasser Meer. Und Gott sieht, dass es gut ist.

Dann sagt er: Die Erde lasse junges Grün sprossen. Und überall beginnt es zu wachsen. Zuerst ein zarter grüner Schimmer, wie auf einer Wiese im April. Dann Gras und Kräuter, Moos auf den Steinen, und Bäume, die ihre Äste ausbreiten und Früchte tragen, jeder nach seiner Art.

Riech den Duft von frischem Gras nach einem Regen. Hör, wie der Wind zum ersten Mal durch Blätter geht.

Und Gott sieht, dass es gut ist. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der dritte Tag.

Am vierten Tag setzt Gott Lichter an den Himmel. Die Sonne für den Tag, warm und golden. Und für die Nacht den Mond, das kleinere Licht, und dazu die Sterne.

Stell dir die erste Nacht mit Sternen vor. Es gibt noch keine Stadt und keine Strassenlampe. Nur dieses ruhige, silberne Licht über dem Meer und über den Wäldern, und darüber Tausende von Sternen, so viele, wie man sie heute nur noch hoch in den Bergen sieht.

Sie sollen Tage und Jahre zählen, sagt Gott, und die Festzeiten. Seither geht jeden Abend die Sonne unter und jeden Morgen wieder auf, ohne dass jemand daran denken muss.

Und Gott sieht, dass es gut ist. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der vierte Tag.

Am fünften Tag füllt sich das Wasser mit Leben. Fische ziehen in Schwärmen durch das grüne Licht unter der Oberfläche, und weit draussen, in der Tiefe, bewegen sich grosse, ruhige Tiere, deren Namen noch niemand kennt.

Und über der Erde fliegen die ersten Vögel. Du hörst das Rauschen von Flügeln und das Rufen über dem Wasser, und am Abend das leise Zwitschern in den Bäumen, bevor es still wird.

Gott segnet sie. Seid fruchtbar und mehret euch, sagt er. Und Gott sieht, dass es gut ist.

Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der fünfte Tag.

Am sechsten Tag bringt die Erde die Landtiere hervor. Rehe am Waldrand, Kühe auf der Weide, Füchse und Käfer im Gras, alles, was läuft und kriecht, jedes nach seiner Art.

Und Gott sieht, dass es gut ist.

Dann macht Gott den Menschen. Nach seinem Bild, ihm ähnlich. Als Mann und Frau schafft er sie.

Gott segnet sie und vertraut ihnen die Erde an, das Meer und den Himmel und alles, was darin lebt. Und er gibt ihnen die Früchte der Bäume und die Körner der Pflanzen zur Nahrung.

Dann schaut Gott alles an, was er gemacht hat. Das Meer und die Wälder, die Tiere und die Menschen. Und siehe, es war sehr gut.

Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Der sechste Tag.

Und dann kommt der siebte Tag.

Gott hat sein Werk vollendet. Und er ruht.

An diesem Tag macht er nichts mehr. Er lässt die Welt einfach sein, so, wie sie ist.

Das Meer kommt in langen, gleichmässigen Wellen an den Strand und zieht sich wieder zurück. Hin und zurück, wie ein Atem.

In den Wäldern ist es still, und die Tiere liegen im Schatten, während der Wind ganz sanft über die Gräser geht.

Und Gott segnet den siebten Tag und heiligt ihn. Einen ganzen Tag, an dem nichts getan werden muss.

Auch diese Nacht gehört dazu. Du darfst ruhen, wie er geruht hat.

Es wird Abend.

Das Licht wird weich und golden, und dann dunkelblau. Über dem Meer geht der Mond auf, das kleinere Licht, und die Sterne kommen, einer nach dem anderen.

Alles, was er gemacht hat, ist da.

Atme ein. Und aus.

Und es wurde Abend.